Warten - Isolation
Sphärische Klänge neuzeitlicher Musik, ein Hauch von Kaffee und Zigarettenrauch in der Luft.
Warm ist es hier, aber nicht zu sehr, der winterlichen Kälte der Außenwelt Paroli zu bieten.
Die weichen Sessel und gepolsterten Bänke am Fenster.
In unvorhersehbaren Abständen fällt das Licht aus – ein Techniker im Erdgeschoss, der mit wenig Erfolg eine Lampe zu reparieren versucht.
Schon eine halbe Stunde, und noch immer ist niemand aufgetaucht. Gelegentliches Nippen an der Kaffeetasse, ein flüchtiger Blick nach Draußen, ein flüchtigerer Blick auf die Uhr.
Warten.
Draußen eine Frau, die ihren Hund zurückzerrt. Er hatte versucht, eine nahe Taube zu erhaschen. Hund und Frau teilen beinahe die gleiche Haarfarbe.
Ein Mädchen, einen Becher in der Hand, die sich müde die Augen reibt. Es ist noch früh.
Ein neues Musikstück setzt ein, der Rhythmus unverändert.
Nut gut, dass sich etwas zu lesen in der Tasche findet, etwas zu tun angesichts des Alleinseins und des eigenen Schweigens. Nicht, dass man der einzige wäre, der allein hier ist. Aber die anderen beiden – Männer, abgeschottet hinter ihren Laptops – scheinen aus freien Stücken ohne Begleitung hier zu sein.
Der Rest, wenn nicht schon in Unterredung vertieft, wartend, auf en Stück Zweisamkeit, ein gutes Gespräch in angenehmer Atmosphäre, bevor man wieder seiner Alltäglichkeit nachgeht.
Die nächste Viertelstunde, aber bar jeglicher Ungeduld, bar jeden Gefühls des Mangels. Für einen Augenblick die Erkenntnis fundamentaler Genügsamkeit in der Gesellschaft des eigenen Seins. Nichts, das fehlt, und ein zweiter Mensch wäre nurmehr eine Ergänzung, kein Ausgleich eines Mangels. Freudig aufgenommen, aber keinesfalls Notwendigkeit.
Gegenüber ein Mann, Milchkaffee und Frischkäsebrot, der ein winziges Apple-Notebook aufklappt. Nur Männer, die ihr Alleinsein hinter dem Mäntelchen der Betriebsamkeit tarnen?
Aber auch ich tue mich geschäftig, indem ich das hier schreibe.
Die nächste Viertelstunde.
Wir leben in einer Gesellschaft der Kleinstgemeinschaften. Anders ginge es auch kaum in einer Großstadt. Jeder von uns hat sein Netzwerk aus Freunden und Bekannten, Kreise, die sich um ihn ziehen und sich beizeiten überschneiden mögen, aber letztlich sind auch wir isoliert.
Ich wünschte, ich hätte meinen Laptop mitgenommen, um mich ebenfalls zu tarnen. Kastendenken, jetzt und ehedem.
Das Internet, dass uns, wie alle Medien, und hier im Besonderen, das Gefühl gibt, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein. Wir erlangen einen nur allzu fragilen Schein der Zugehörigkeit zu etwas größerem, zu Welt. Aber dem ist nicht so; zumindest gibt es kein Pendant des Virtuellen in der realen Welt – und sind Freundschaften, die nur im Cyberspace existieren, vollends real? Wir reden mit Phantomen, die oft nur aus Zeichen und Symbolen bestehen, und wägen uns verbunden mit realen Menschen.
Eine Illusion sicherlich.
Drei Männer hinter ihren Notebooks.
Und so werden wir immer mehr zu Inseln, zu Monaden in einem Strom der Zeit, die uns immer mehr die Fähigkeit nimmt, mit den Menschen, die wirklich um uns sind, zu interagieren.
Mir geht es ja nicht anders.
Mehr als eine Stunde inzwischen. Ein flüchtiger Blick auf die Uhr, ein flüchtiger Blick durch das Café.
Da – noch ein Laptop, aber diesmal, zwei Menschen gemeinsam. Zumindest dies.
Aber ich weiß, ich bin nicht allein. Dort im Gebäude auf der anderen Straßenseite, ein Mensch, ein Liebster. Ich kann das Licht im Seminarraum von hier aus sehen. Bald vielleicht da – eine letzte Zuflucht im isolierten Raum, ein gemeinsames Mittagessen, ein paar Worte des Zusammenhalts.
Jetzt lohnt es sich auch nicht mehr, nach Hause zu gehen.
Drängen die neuen Medien der Kommunikation uns in das Alleinsein? „Es scheint so viel einfacher, sich über den Messenger zu unterhalten“ – Zitat meiner Mitbewohnerin gestern Abend. Verlernt der Mensch so die Fähigkeit zum näheren Austausch?
Doch ja, es ist einfacher. Im Cyberspace können wir nur unsere gute Seite zeigen, nur die positiven Dinge, die uns ausmachen. Wir stilisieren uns ein künstliches Selbst, das unserem wahren Ich kaum noch entsprechen muss. Wir können die Antworten, die wir geben wollen, bedenken und das Gespräch beenden, wenn wir keine Lust mehr haben. Die Lüge lässt sich leichter tarnen, wenn sie hinter Buchstaben und Symbolen verborgen bleibt.
Der Mensch tendiert dazu, den einfachsten Weg zu gehen, wenigstens das ist über die Zeiten unverändert geblieben.
Ich komme mir veraltet vor, wie ich hier, an dieser Schnittstelle zum virtuellen Raum, sitze und mit Kugelschreiber auf Papier kritzle. Sicherlich werde auch ich in ein paar Stunden diese Worte in dem Äther schicken.
Aber nun – wie unglaublich analog!
Inzwischen habe ich jegliche Hoffnung aufgegeben, dass meine Bekanntschaft noch auftauchen könnte – es ist beinahe Mittag. Nicht, dass ich mich beschweren will – alles ist gut, so wie es ist. Im Moment jedenfalls.
Ich sollte mich öfter allein in ein Café setzen, überlege ich, während ich noch ein wenig den Menschen durch das Fenster zuschaue. Es hat etwas Entleibendes an sich, dieser komplette Rückzug in die Beobachter-Position, dieses Nicht-Interagieren-Müssen. Ich könnte hier sein, oder auch nicht – ich könnte in diesem Augenblick gehen oder noch zwei Stunden verweilen. Es macht keinen Unterschied.
Und dies, das grundlegende Problem menschlicher Gesellschaft, wird mir hier zum Segen in der Erkenntnis, dass es jetzt und hier nicht wichtig ist - dass es keinen Unterschied macht. Nur in dem Faktum, dass ich unbeteiligt bin, gelingt es mir gleichsam, alles wahrzunehmen und Zusammenhänge zu sehen.
Wäre ich zu zweit hier, würde das Gespräch die Beobachtung beanspruchen. Was ebenso in Ordnung wäre.
Noch ist mir nicht langweilig, noch verweile ich in meiner Mitte.
Der Mann mit dem winzigen Notebook ist gegangen, ohne dass ich es mitbekommen hätte. Vielleicht hat er sich auch einfach in Luft aufgelöst und es fiel lediglich niemandem auf, weil ich niemand die Mühe machte, Notiz zu nehmen. Wer weiß.
Zwei Stunden, ich sehe die Menschen zum Mittag aus der Uni strömen.
Was meine Bekannte wohl gerade macht, frage ich mich, und warum sie nicht hier war. Aber ich bin entfernt davon, mir Sorgen zu machen. Wahrscheinlich hat sie es einfach vergessen. Hätte ich ja auch beinahe. Letztendlich ist es unwichtig.
Eine Frau mit schlohweißen Haaren und einem roten Hut. Was soll man dazu sagen?
Vielleicht gehe ich gleich weiter, noch ein wenig durch die Stadt. Vielleicht bleibe ich noch ein wenig hier sitzen und lausche indiskret dem Gespräch der Menschen neben mir.
Es macht keinen Unterschied.
Und irgendwo im meinem Bewusstsein sagt mir ein Stimmchen, dass auch das nur eine Illusion ist.
Warm ist es hier, aber nicht zu sehr, der winterlichen Kälte der Außenwelt Paroli zu bieten.
Die weichen Sessel und gepolsterten Bänke am Fenster.
In unvorhersehbaren Abständen fällt das Licht aus – ein Techniker im Erdgeschoss, der mit wenig Erfolg eine Lampe zu reparieren versucht.
Schon eine halbe Stunde, und noch immer ist niemand aufgetaucht. Gelegentliches Nippen an der Kaffeetasse, ein flüchtiger Blick nach Draußen, ein flüchtigerer Blick auf die Uhr.
Warten.
Draußen eine Frau, die ihren Hund zurückzerrt. Er hatte versucht, eine nahe Taube zu erhaschen. Hund und Frau teilen beinahe die gleiche Haarfarbe.
Ein Mädchen, einen Becher in der Hand, die sich müde die Augen reibt. Es ist noch früh.
Ein neues Musikstück setzt ein, der Rhythmus unverändert.
Nut gut, dass sich etwas zu lesen in der Tasche findet, etwas zu tun angesichts des Alleinseins und des eigenen Schweigens. Nicht, dass man der einzige wäre, der allein hier ist. Aber die anderen beiden – Männer, abgeschottet hinter ihren Laptops – scheinen aus freien Stücken ohne Begleitung hier zu sein.
Der Rest, wenn nicht schon in Unterredung vertieft, wartend, auf en Stück Zweisamkeit, ein gutes Gespräch in angenehmer Atmosphäre, bevor man wieder seiner Alltäglichkeit nachgeht.
Die nächste Viertelstunde, aber bar jeglicher Ungeduld, bar jeden Gefühls des Mangels. Für einen Augenblick die Erkenntnis fundamentaler Genügsamkeit in der Gesellschaft des eigenen Seins. Nichts, das fehlt, und ein zweiter Mensch wäre nurmehr eine Ergänzung, kein Ausgleich eines Mangels. Freudig aufgenommen, aber keinesfalls Notwendigkeit.
Gegenüber ein Mann, Milchkaffee und Frischkäsebrot, der ein winziges Apple-Notebook aufklappt. Nur Männer, die ihr Alleinsein hinter dem Mäntelchen der Betriebsamkeit tarnen?
Aber auch ich tue mich geschäftig, indem ich das hier schreibe.
Die nächste Viertelstunde.
Wir leben in einer Gesellschaft der Kleinstgemeinschaften. Anders ginge es auch kaum in einer Großstadt. Jeder von uns hat sein Netzwerk aus Freunden und Bekannten, Kreise, die sich um ihn ziehen und sich beizeiten überschneiden mögen, aber letztlich sind auch wir isoliert.
Ich wünschte, ich hätte meinen Laptop mitgenommen, um mich ebenfalls zu tarnen. Kastendenken, jetzt und ehedem.
Das Internet, dass uns, wie alle Medien, und hier im Besonderen, das Gefühl gibt, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein. Wir erlangen einen nur allzu fragilen Schein der Zugehörigkeit zu etwas größerem, zu Welt. Aber dem ist nicht so; zumindest gibt es kein Pendant des Virtuellen in der realen Welt – und sind Freundschaften, die nur im Cyberspace existieren, vollends real? Wir reden mit Phantomen, die oft nur aus Zeichen und Symbolen bestehen, und wägen uns verbunden mit realen Menschen.
Eine Illusion sicherlich.
Drei Männer hinter ihren Notebooks.
Und so werden wir immer mehr zu Inseln, zu Monaden in einem Strom der Zeit, die uns immer mehr die Fähigkeit nimmt, mit den Menschen, die wirklich um uns sind, zu interagieren.
Mir geht es ja nicht anders.
Mehr als eine Stunde inzwischen. Ein flüchtiger Blick auf die Uhr, ein flüchtiger Blick durch das Café.
Da – noch ein Laptop, aber diesmal, zwei Menschen gemeinsam. Zumindest dies.
Aber ich weiß, ich bin nicht allein. Dort im Gebäude auf der anderen Straßenseite, ein Mensch, ein Liebster. Ich kann das Licht im Seminarraum von hier aus sehen. Bald vielleicht da – eine letzte Zuflucht im isolierten Raum, ein gemeinsames Mittagessen, ein paar Worte des Zusammenhalts.
Jetzt lohnt es sich auch nicht mehr, nach Hause zu gehen.
Drängen die neuen Medien der Kommunikation uns in das Alleinsein? „Es scheint so viel einfacher, sich über den Messenger zu unterhalten“ – Zitat meiner Mitbewohnerin gestern Abend. Verlernt der Mensch so die Fähigkeit zum näheren Austausch?
Doch ja, es ist einfacher. Im Cyberspace können wir nur unsere gute Seite zeigen, nur die positiven Dinge, die uns ausmachen. Wir stilisieren uns ein künstliches Selbst, das unserem wahren Ich kaum noch entsprechen muss. Wir können die Antworten, die wir geben wollen, bedenken und das Gespräch beenden, wenn wir keine Lust mehr haben. Die Lüge lässt sich leichter tarnen, wenn sie hinter Buchstaben und Symbolen verborgen bleibt.
Der Mensch tendiert dazu, den einfachsten Weg zu gehen, wenigstens das ist über die Zeiten unverändert geblieben.
Ich komme mir veraltet vor, wie ich hier, an dieser Schnittstelle zum virtuellen Raum, sitze und mit Kugelschreiber auf Papier kritzle. Sicherlich werde auch ich in ein paar Stunden diese Worte in dem Äther schicken.
Aber nun – wie unglaublich analog!
Inzwischen habe ich jegliche Hoffnung aufgegeben, dass meine Bekanntschaft noch auftauchen könnte – es ist beinahe Mittag. Nicht, dass ich mich beschweren will – alles ist gut, so wie es ist. Im Moment jedenfalls.
Ich sollte mich öfter allein in ein Café setzen, überlege ich, während ich noch ein wenig den Menschen durch das Fenster zuschaue. Es hat etwas Entleibendes an sich, dieser komplette Rückzug in die Beobachter-Position, dieses Nicht-Interagieren-Müssen. Ich könnte hier sein, oder auch nicht – ich könnte in diesem Augenblick gehen oder noch zwei Stunden verweilen. Es macht keinen Unterschied.
Und dies, das grundlegende Problem menschlicher Gesellschaft, wird mir hier zum Segen in der Erkenntnis, dass es jetzt und hier nicht wichtig ist - dass es keinen Unterschied macht. Nur in dem Faktum, dass ich unbeteiligt bin, gelingt es mir gleichsam, alles wahrzunehmen und Zusammenhänge zu sehen.
Wäre ich zu zweit hier, würde das Gespräch die Beobachtung beanspruchen. Was ebenso in Ordnung wäre.
Noch ist mir nicht langweilig, noch verweile ich in meiner Mitte.
Der Mann mit dem winzigen Notebook ist gegangen, ohne dass ich es mitbekommen hätte. Vielleicht hat er sich auch einfach in Luft aufgelöst und es fiel lediglich niemandem auf, weil ich niemand die Mühe machte, Notiz zu nehmen. Wer weiß.
Zwei Stunden, ich sehe die Menschen zum Mittag aus der Uni strömen.
Was meine Bekannte wohl gerade macht, frage ich mich, und warum sie nicht hier war. Aber ich bin entfernt davon, mir Sorgen zu machen. Wahrscheinlich hat sie es einfach vergessen. Hätte ich ja auch beinahe. Letztendlich ist es unwichtig.
Eine Frau mit schlohweißen Haaren und einem roten Hut. Was soll man dazu sagen?
Vielleicht gehe ich gleich weiter, noch ein wenig durch die Stadt. Vielleicht bleibe ich noch ein wenig hier sitzen und lausche indiskret dem Gespräch der Menschen neben mir.
Es macht keinen Unterschied.
Und irgendwo im meinem Bewusstsein sagt mir ein Stimmchen, dass auch das nur eine Illusion ist.
morgana - 2. Feb, 17:50

